In den Diskussionen zur Einrichtung neuer Usenet-Gruppen heisst es immer wieder: Show traffic - get group. In diesem Posting habe ich versucht, Gründe zur Einrichtung von Newsgruppen jenseits des Trafficarguments aufzuzeigen. Der Text entspringt der Überzeugung, dass unter bestimmten Umständen auch Gruppen mit niedrigem Postingaufkommen nützlich sein können.
From adrian.usenet@wortrei.ch Wed Feb 20 13:46:31 2002 pa.borer@bluewin.ch (Patrick Borer) scripsit: >Die Frage, die man sich bei Diskussionen >ueber die Einrichtung oder Loeschung einer Gruppe immer stellen >sollte, ist: Erfuellt sie ihren Zweck? Stellt sie den an ihrem Thema >Interessierten eine Plattform zur Verfuegung, die es ihnen deutlich >erleichtert, sich gegenseitig ueber dieses Thema zu informieren, zu >diskutieren? Bis hier stimmen wir vollkommen überein. >Ob dies der Fall ist, haengt nicht davon ab, ob die >Gruppe 30, 300 oder 3000 Beitraege im Monat hat (bei Einrichtungen: >mutmasslich haben wird)... sondern vom Thema und den (potentiellen) >Teilnehmern. Es hängt nicht *nur* davon ab, sondern *auch* vom Thema und den potentiellen Teilnehmern. Hoher zu erwartender Traffic gibt Grund zur Annahme, dass die Gruppe ihren Zweck erfüllen wird. Geringer Traffic hingegen kann zur Folge haben, dass Neulinge, die in die Gruppe hineinschauen, zum Schluss kommen, dass die Gruppe nicht funktioniert, und sich wieder abwenden. Kommt dazu, dass eine Gruppe mit mehr Traffic zu einem allgemein gefassten Thema oft einer Gruppe mit hoch spezialisiertem Thema und geringer Teilnehmerschaft vorzuziehen ist. Ich selbst habe früher de.sci.theologie vollständig (jetzt: auszugsweise) gelesen, und wenn eine Frage kam, auf die ich die Antwort wusste, dann habe ich die Antwort gegeben.[1] Wenn es hingegen de.sci.theologie.bibel.at de.sci.theologie.bibel.nt de.sci.theologie.bibel.misc de.sci.theologie.historisch.kirchengeschichte de.sci.theologie.historisch.dogmengeschichte de.sci.theologie.historisch.misc de.sci.theologie.systematisch.dogmatik de.sci.theologie.systematisch.ethik de.sci.theologie.systematisch.fundamentaltheologie de.sci.theologie.systematisch.misc de.sci.theologie.praktisch.homiletik de.sci.theologie.praktisch.katechetik de.sci.theologie.praktisch.pastoraltheologie de.sci.theologie.praktisch.liturgik de.sci.theologie.praktisch.diakonie de.sci.theologie.praktisch.mission+gemeindeaufbau de.sci.theologie.praktisch.misc de.sci.theologie.kirchenrecht de.sci.theologie.oekumene de.sci.theologie.misc (habe ich etwas vergessen?) gäbe, dann würde ich nur einige dieser Gruppen lesen, und so auch die eine oder andere Frage verpassen, auf die ich die Antwort wüsste. Ausserdem wäre es bei einer solchen Aufteilung oft nötig, die Gruppe zu wechseln, wenn sich das Thema des Threads verschiebt, was bei sehr spezialisierter Themenaufteilung naheliegenderweise schneller geschieht als bei einem breit gefassten Gruppenthema. Ein genügend breit gefasstes Gruppenthema *fördert* eine sinnvolle Diskussion (aus den genannten Gründen), ein grosses Trafficaufkommen *behindert* sie (wegen abnehmender Übersichtlichkeit). Hier gilt es, das richtige Gleichgewicht zu finden: Aufteilen ja, aber die Einzelthemen dürfen dabei nicht so speziell werden, dass sich der Traffic zersplittert und so eine sinnvolle Diskussion behindert wird. Aus diesem Grund ist hoher bestehender und zu erwartender Traffic ein weithin überzeugendes Argument, eine Gruppe einzurichten, weil dadurch die Übersichtlichkeit im de-Usenet zunimmt. Niedriger zu erwartender Traffic ist hingegen ein Grund, Zweifel an der Nützlichkeit einer Gruppe zu haben, besonders dann, wenn das vorgeschlagene Gruppenthema sehr speziell ist. Diese Zweifel sind legitim. Aber Zweifel machen eine neue Gruppe noch nicht unmöglich. Es gibt nämlich in meinen Augen Argumente jenseits der Traffic-Frage, die Beachtung verdienen. Zum Beispiel gibt es im de-Usenet immer wieder Diskussionen, die kurz aufflammen und gleich wieder absterben, weil niemand so recht weiss, wo diese Diskussionen sinnvollerweise zu führen sind. Für solche Diskussionsthemen ist es sinnvoll, eine Auffanggruppe einzurichten, auch wenn nur geringer Traffic zu erwarten ist. Beispiel: sind Diskussionen über die Vergangenheit des Usenets. Dazu gab es immer wieder kurze Threads in verschiedenen Gruppen, die meist rasch wieder abstarben, weil niemand die entsprechende Frage beantworten konnte. Die Einrichtung von de.alt.folklore.usenet ist aber trotz geringem Traffic (er ist auch heute noch gering) als Erfolg zu werten, weil die Gruppe funktioniert: regelmässig werden Threads aus anderen Gruppen, die die Vergangenheit des Usenets betreffen, nach dafu umgeleitet, und dort dann oft auch kompetent beantwortet. Natürlich kann dafu nur funktionieren, weil viele Interessierte die Gruppe "so nebenbei" mitlesen und sich an Threads, die gestartet oder dorthin umgelenkt werden, beteiligen. Würde niemand dafu nebenbei mitlesen, so würden die Threads ebenso schnell sterben wie früher (wenn nicht sogar noch schneller). Interessantes Detail: gerade die Tatsache, dass dafu relativ wenig Traffic hat, ermöglicht natürlich vielen Netizens, sie nebenbei auch noch mitzulesen.[2] Weiteres Beispiel: de.admin.news.regeln - im "Normalbetrieb" eine Low-Traffic-Gruppe, alle paar Wochen oder Monate ein Traffic-Hoch. Es handelt sich um eine klassische "Hype-Traffic"-Gruppe. Wann immer es einen Einspruch oder ein Richtlinienverfahren in dana gibt, steigt der Traffic massiv, während er sonst vor sich hindümpelt. Nun wurde danr zur Zeit eines Traffic-Hochs eingerichtet, aber die Gruppe hat auch zu Traffic-Tief-Zeiten ihre Berechtigung, weil sie im Bedarfsfall sehr kurzfristig für die Entlastung von dang sorgen kann, sobald dort eine Regelfrage die Gemüter erregt. Welche guten Argumente können also für die Einrichtung bzw. Erhaltung einer Low-Traffic-Gruppe sprechen und die wegen des geringen Traffics geäusserten (wie bereits erwähnt durchaus legitimen) Zweifel an der Nützlichkeit der Gruppe zu zerstreuen? Hier ein paar Ideen, wenn es um Löschung oder Erhalt einer bestehenden Gruppe geht: * Es gibt zwar keine ausführlichen Diskussionen, aber Fragen in der Gruppe werden rasch und kompetent beantwortet (spricht für viele Nebenbei-Lurker). * Es gibt gelegentlich Followups aus anderen Gruppen, in denen das Thema off topic ist (spricht dafür, dass die Gruppe nicht nur ein Ghetto für ihre eigenen Stammleser ist). * Die Postings gehören eindeutig in diese Gruppe, die Angabe einer Ersatzgruppe ist schwierig (spricht dafür, dass die Gruppe einem Thema eine Heimat gibt, das sonst schwierig einzuordnen wäre). * Die Traffic-Abgrenzung ist sehr klar, d.h. die Gruppe ist nicht einfach eine zusätzliche Gruppe in der Crossposting-Liste. Ausserhalb der Gruppe gibt es keine/sehr wenig/rasch versandende/bald in die Gruppe umgeleitete Diskussionen zum Thema (spricht dafür, dass die Gruppe ihren Zweck, den zugegebenermassen geringen Traffic zum Thema zu bündeln, erfolgreich erfüllt). Wenn es um die Einrichtung einer neuen Gruppe geht, könnte folgendes für die Einrichtung trotz geringem Traffic sprechen: * Das Thema hat keine klare Heimat, es kommt oft zu "Ist-zwar-off-topic- aber-ich-wusste-nicht-wohin-ich-das-Fup2-setzen-sollte"-Postings. * Das Thema ist breit genug gefasst, dass es eine grössere Zahl von "Nebenbei-Lesern" anziehen könnte. * (Bei Gruppen, bei denen der Vorwurf "instabiler Hype-Traffic" geäussert wird:) Trotz zwischenzeitlich geringem Traffic gab es schon Traffic-Hochs, und es sind wegen äusserer Anlässe weitere Traffic-Hoch-Phasen zu erwarten. >Es gibt einige ausgesprochene Low-Traffic-Gruppen, die ihren Zweck >seit vielen Jahren sehr gut erfuellen Da stimme ich Dir zu. Es ist jedoch nicht ganz einfach, einem Proponenten zu erklären, warum diese Low-Traffic-Gruppen ihre Berechtigung haben, sein Fuchsschwanz jedoch nicht. Die oft zu beobachtende Haltung, überhaupt nur das Traffic-Argument zählen zu lassen, hilft hier aber nicht, im Gegenteil: es führt fast zwangsläufig dazu, dass die Proponenten die Legitimität des Traffic-Arguments grundsätzlich in Zweifel ziehen. Die Trafficfrage ist aber legitim - als einziges Kriterium ist der Traffic einigermassen objektiv festzustellen und sollte deswegen bei der Beurteilung von Gruppeneinrichtungen und -löschungen weiterhin berücksichtigt werden (dies u.a. auch deswegen, weil man mit dem Traffic-Argument leicht Troll-Löschungsvorschlägen aus inhaltlichen Gründen, wie denjenigen für dtju oder dtl, entgegentreten kann). Es sollte aber nicht der exklusive Gesichtspunkt sein. Adrian [1] Diese Überlegung habe ich ursprünglich in <95a4u2$g8dva$8@ID-807.news.dfncis.de> vorgebracht. [2] Vgl. auch meine "Typologie von Usenet-Gruppen" in <93df0i$9dder$1@ID-807.news.dfncis.de>. |
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